Baumwipfelpfad – was das Kronendach zu bieten hat

Rund 440 Meter führt der Pfad durch das Kronendach des Kurparks. Fotos (7): Ulrike Havermeyer

In zartem Orange und sattem Gold schimmert das Herbstlaub, als ich in rund 30 Metern Höhe über den Bad Iburger Baumwipfelpfad spaziere.

Mit tiefen Atemzügen inhaliere ich den herben Duft des Waldes und genieße die Abwesenheit jeglicher Alltagshektik. Ein paar Schritte vor mir hält ein Eichhörnchen Ausschau nach Früchten. Und wird schnell fündig. Natur tut gut – das habe ich schon vorher gewusst, spüre es in dieser ungewohnten Kulisse aber noch einmal besonders deutlich.

Die Seele baumeln lassen

Wie ein überdimensionales Vogelnest schmiegt sich der Aufstiegsturm mit seiner hölzernen Verkleidung in die Umgebung.

Dass ich beim Erkunden des Baumwipfelpfades ungestört der Entspannung frönen und meine Seele baumeln lassen könnte, habe ich erwartet. Dass das touristische Potenzial des rund 440 Meter langen Parcours, der sich seit der Landesgartenschau 2018 durch den Waldkurpark schlängelt, damit aber beileibe nicht ausgeschöpft ist, überrascht mich denn doch. Was außer – je nach Jahreszeit – grünen oder bunten Blättern und bizarr geformten Ästen sollte der Besuch selbst des stattlichsten Kronendaches denn sonst noch zu bieten haben?

Jede Menge Eindrücke für alle Sinne

Nicht nur zum Dörenberg, zum Großen Freeden oder zum Schloss reicht der Blick, sondern sogar bis tief in die Vergangenheit hinein.

Auf alle Fälle viel mehr als mein Notizblock angesichts meiner ersten Eindrücke zu fassen in der Lage ist, dämmert es mir bereits nach wenigen Metern. Und noch bevor ich auch nur die Hälfte des Pfades erwandert habe steht für mich fest, dass ich – sobald die Witterung es zulässt und der Baumwipfelpfad im Frühjahr neuerlich freigegeben ist – wieder herkommen werde.  Denn zwischen dem markanten Aufstiegsturm (mit Aufzug) und der stählernen Abstiegstreppe (ohne Aufzug) wartet noch so Vieles, das es zu lesen und zu beobachten, zu hören, zu bestaunen, zu ertasten, zu drehen und zu schieben – aber vor allem: zu genießen gibt.

Mehr als zehn Mitmach-Stationen

An dem mehr als zehn Mitmach-Stationen wird fundiertes Wissen über die Region auf unterhaltsame Weise vermittelt.

Sehr fasziniert bin ich von den mehr als zehn Info-und Mitmach-Stationen. Sie sind nicht nur jede für sich eine ästhetische Augenweide, sondern auch didaktisch vom Feinsten: Hier lädt ein Türchen zum Öffnen ein, da lockt ein Drehschalter, dort lenkt ein Fernglas die Aufmerksamkeit auf ein spannendes Ziel – es darf geschoben, gekurbelt, geklappt, gesucht und gefunden werden. So entpuppt sich das Vermitteln von fundiertem Wissen über die Region als wahres Freudenfest für alle Sinne.

Zierliche Seeigel und hungrige Hausschweine

Nicht nur menschliche Besucher sind auf dem Baumwipfelpfad unterwegs…

Was hat beispielsweise der zierliche Seeigel im Baumwipfelpfad verloren? Was leistet ein Hektar Wald für den Klimaschutz? Und warum hatte Bischof Benno eigentlich etwas gegen allzu hungrige Hausschweine? Wer Lust hat, auf unterhaltsame Weise mehr über die Entstehung des Teutoburger Waldes, über seine ökologische und wirtschaftliche Bedeutung zu erfahren, sollte deutlich mehr als eine Stunde Zeit mitbringen. Wer lieber die spektakuläre Atmosphäre auf sich wirken lassen möchte, durch die ausladenden Kronen der zum Teil mehrere Hundert Jahre alten Eichen und Rotbuchen, Vogelbeeren oder Kiefern zu flanieren, dürfte den Baumwipfelpfad vielleicht sogar als neuen Lieblingsplatz für sich entdecken.

Waldbaden – Trend oder Tradition?

In 30 Metern Höhe schlängelt sich der Bad Iburger Baumwipfelpfad durch die Baumkronen.

Nachdem ich jede Menge frische Luft, viel Wissenswertes und faszinierende Impressionen in mich aufgesaugt habe, lasse ich mich mit einem wohligen Seufzer auf eine der Bänke auf dem sanft schwingenden Höhenweg fallen. Zeit für eine gemütliche Pause. Die wohlweislich mitgebrachte Stulle aus dem Rucksack geholt, die Thermokanne mit dem heißen Kakao dazu – und natürlich eine anregende Lektüre: „Waldbaden“ ist der Zeitungsartikel, den ich mir aus dem Internet ausgedruckt habe, betitelt und beschreibt einen Trend, der in Japan bereits als medizinische Therapie für gestresste Gemüter anerkannt ist. So, so: Waldbaden – sinniere ich und muss schmunzeln. Bei uns heißt das einfach „Mal raus gehen“, „Frische Luft schnappen“ oder „Abschalten“ – aber ob nun neuer Trend oder alte Gewohnheit: in die winddurchrauschte Blättergischt der Baumkronen einzutauchen ist allemal ein belebendes Erlebnis!

(Erschienen auf www.osnabruecker-land.de/blog)